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Interview mit Peter Shapiro

Interview mit Peter Shapiro
Frage: Sie haben einige Jahre in Japan gelebt?

Peter Shapiro: Ja, 1967 ging ich nach Japan und lebte zwanzig Jahre dort.

F: Gab es besondere Gründe, die Sie nach Japan führten?

PS: Ich bin Künstler, Musiker und Maler und lebte zur Zeit des Vietnamkrieges in den USA. Es war ein Schock für mich, zu entdecken, was und wie die USA wirklich waren, das heisst, die Schattenseite der USA zu sehen. Präsident Kennedy, Martin Luther King, Malcolm X, Lumumba, Kassem wurden ermordet. Studenten wurden im Ken State Massaker erschossen, viele Führer der amerikanisch indianischen Bewegung wurden ermordet, der Führer der Black Panther Party wurde durch die Polizei und das FBI umgebracht.
Durch einen Freund, der bei den Rangers war und verletzt zurückkam, erfuhr ich durch Zufall, was in Vietnam wirklich geschah. Er war bei der Aufklärung und war Zeuge, wie die Leute, die zum »Unternehmen Phoenix« gehörten, (Vernichtungsprogramm gegen Mitglieder und Sympathisanten des Vietcong, geführt vom CIA und den »Spezialkräften« in Vietnam) folterten und töteten. Mehr als 25’000 Menschen, mehrheitlich Zivilisten, waren die Opfer dieses Unternehmens. Er sah, wie Soldaten unter amerikanischem Befehl in ein vietnamesisches Dorf eindrangen, alle auf grausame Art töteten, die Frauen aufschlitzten und die Leichen dort liegen liessen. Am nächsten Tag brachte man ihn mit seiner Truppe an den Ort des Massakers und sagte ihnen: »Schaut, was der Vietcong gemacht hat.«
Wenn man zu der Klasse in den USA gehört, in der man sich um Geld keine Sorgen machen muss, hält man die USA leicht für ein grossartiges Land, eine echte Demokratie, wo die Leute glücklich sind – bis man die andere Seite sieht.
All dies schockierte mich derart tief, dass ich etwas gegen diese Dunkelheit tun wollte. Ich hatte auch den verzweifelten Wunsch, auf der tiefsten Ebene verstehen zu können, was die Ursache für Konflikte und Krieg ist.

F: Wie kamen Sie zum Aikido?

PS: Ich begann Bücher über Kampfkunst zu lesen und beschloss, anzufangen zu trainieren. Ein bisschen später fand ich ein Buch von O-Sensei, mit Fotos und Texten von ihm. In dem Moment, als ich O-Senseis Fotografie sah, wusste ich: »Das ist es, danach habe ich gesucht. Was immer dieser Mann lehrt, will ich lernen.«
Ich hatte mich entschieden, hatte Aikido gefunden, in diesem einen Moment, als ich das Foto von O-Sensei sah. Zwei Jahre später ging ich nach Japan, um bei ihm zu lernen. Nach sechs Monaten mit O-Sensei schrieb ich meiner Familie und meinen Freunden nach Hause: »Alles, was dunkel war, ist Licht geworden.«

F: Wie ging Ihr Weg dann weiter?

PS: Während der zwei letzten Lebensjahre O-Senseis lernte ich bei ihm. Nach dem Tod von O-Sensei veränderte sich für mich die Atmosphäre im Hombu Dojo jedoch so stark, dass ich nach einem neuen Lehrer aus der direkten Linie O-Senseis zu suchen begann, um weiter lernen zu können. Ich fand ihn schliesslich in Hikitsuchi Sensei. Als ich Meister Hikitsuchi zum ersten Mal sah, spürte ich eine starke Resonanz, hatte ein sehr gutes Gefühl, ähnlich demjenigen im Hombu zu Lebzeiten O-Senseis. O-Sensei und Hikitsuchi hatten sich viele Jahre gekannt und eine enge Bekanntschaft gepflegt.
1970 wurde ich Schüler von Hikitsuchi Sensei. Zwischen 1969 und 1972 gründete ich eine kleine Gruppe von Schülern um Saotome Sensei. Er war, so viel ich weiss, zu dieser Zeit der einzige in Tokyo, der bereit war, über O-Sensei und seine eigenen persönlichen Erfahrungen mit ihm zu sprechen. Nach O-Senseis Tod galt es aus Respekt vor seinem Sohn drei Jahre lang als ungehörig, über O-Sensei zu sprechen. Wir bildeten also eine kleine Gruppe, um von ihm zu hören und in seinem Geiste zu trainieren. Diese Gruppe, die ausschliesslich aus Ausländern bestand, war auch der Grund, weshalb Saotome sich dann entschied, in die USA zu gehen. Er glaubte, die Menschen dort seien offener für seine Lehren.
Zwei Geschichten über O-Sensei prägten mich: Anno Sensei erzählte, O-Sensei habe einmal gesagt, es gebe in der Welt tatsujin (grosse Meister) des Aikido, die noch nie etwas von Aikido oder Budo gehört hätten, aber unter den Praktizierenden gebe es nicht viele, die auch nur ein wenig davon verstanden hätten.
Mein Freund Yamada, ebenfalls ein Schüler O-Senseis, befand sich einmal gerade im Hof des Hombu Dojos, als O-Sensei aufgebracht herauskam, ihn beim Arm nahm und rief: »Yamada San, Yamada San, Aikido ist etwas Grosses, aber dort«, auf das Dojo zeigend, »ist alles, was sie tun, klein.«
Ich blieb lange Zeit bei Hikitsuchi Sensei. Doch es kam der Moment, wo wir nicht mehr einer Meinung waren über gewisse Aspekte des Trainings. Es ging um den Gebrauch von »ki no nagare«, (»Fluss des Ki«, ein wesentlicher Bestandteil aller Aikido-Bewegungen) während des Übens. Hikitsuchi war der Meinung, man solle sehr wohl »ki no nagare« während des Trainings üben, doch in konkreten Situationen oder Demonstrationen sich auf eine direktere, geradlinige Art bewegen, ohne allen Veränderungen des »ki no nagare« zu folgen. Bei normaler Geschwindigkeit der Videos erschienen die Bewegungen O-Senseis tatsächlich als geradlinig, doch in der Zeitlupe sah ich, dass in seinen Bewegungen ein wellenartiger Aspekt vorhanden war, der immer dem »ki no nagare« folgte.
Durch diese verschiedene Sicht- und Trainingsweise trennten sich Hikitsuchis und meine Wege dann weitgehend. Trotzdem sehe ich mich immer noch als sein Schüler und behalte viele schöne Erinnerungen.

F: Schliesslich kamen Sie dann nach Europa – wie kam es dazu?

PS: Einer meiner japanischen Freunde war Meister Itsuo Tsuda, der während vieler Jahre Aikido und Seitai in Europa unterrichtete. Er stellte mich Meister Noguchi, dem Gründer von Seitai, vor. Ich wurde Noguchis Schüler und nach einigen Jahren erhielt ich das Lehrer-Zertifikat von ihm. In Tokio waren die meisten meiner Seitai-Schüler Franzosen. Ich hatte eine spezielle, enge Beziehung zu dieser Gruppe um Frank Noel, Gerard Blaize, Bernard Bleyer, Joel Chemin und Christian Tissier. Einerseits war ich ihr Sempai und gleichzeitig wie ein kleiner Bruder, der hinten auf dem Motorrad mitfährt.
In den späten Achtzigern entschied ich mich, Japan zu verlassen, und ging nach Toulouse, wo Bernard Bleyer und Joel Chemin ihr Dojo hatten. Dort unterrichtete ich jeweils morgens eine kleine Übungssequenz. Ich blieb fünf oder sechs Jahre in Toulouse. Aufgrund der Einladung eines Dojo in Bern, dort zu lehren, kam ich in die Schweiz. Seither lebe ich in Bern.

F: Das »ai« in Aikido, heisst es für Sie eher Harmonie oder Liebe?

PS: Das ist nicht so einfach. Ich glaube, es besteht eine grundlegende Verwirrung über das Wort Aikido. »Ai« bedeutet nicht Harmonie, sondern ‚verbinden’ oder ‚sich vereinen mit’. Das bringt uns zu der Frage, wo das Wort Harmonie in das Verständnis des Aikido hineinkam. Ich glaube, dies geschah, weil O-Sensei Aikido häufig als »Weg der Harmonie«, »wago no michi« beschrieb. Das Wort Harmonie setzt sich aus den beiden Schriftzeichen »wa« und »go« zusammen. Das Schriftzeichen für »go« ist dasselbe wie für »ai« in Aikido, »sich verbinden« oder »vereinen mit«.
Durch die Betrachtung des Schriftzeichens bekommt man ein Gefühl für die Bedeutung. »Wa« wird ebenfalls mit Harmonie übersetzt und bezeichnet den Sinn eines Kreises. In den westlichen Sprachen wird das Wort Harmonie in Zusammenhang mit einem Instrument oder Musikakkord gebracht, doch das Vereinen wie bei einem Kreis gibt dem Sinn der Bewegung einen anderen Aspekt, wie in der Mathematik, wo die kürzeste Distanz zweier Punkte auf der Oberfläche einer Kugel durch den grossen Kreis definiert ist.

F: Was bedeutet das Wort »Aikido« eigentlich?

PS: Historisch gesehen wurde der Name Aikido nicht von O-Sensei gegeben. Ich glaube, es war jemand von der Regierung, doch O-Sensei hat ihn angenommen. Meines Wissens war der letzte Name, den O-Sensei wählte, »takemusu aiki«. Dass die Übersetzung des Wortes »Aikido« immer wieder Probleme aufwirft, haben wir vorher schon gesehen und besprochen.
Das »ai«, geschrieben wie in Aikido, heisst, wie gesagt, »sich vereinen« oder »sich verbinden mit«. Es gibt ein anderes Schriftzeichen mit derselben Aussprache wie in »ai«, das Liebe bedeutet. O-Sensei wollte ausdrücklich, dass dem »ai« beide Bedeutungen gegeben werden – Liebe und »sich verbinden mit«.
So wie das »ai«, definierte O-Sensei auch das »ki«. Er sah »ki« als die Urenergie, die das gesamte Universum erhält. Er wollte nicht, dass das »aiki« des Aikido mit dem »aiki« der alten Schulen verwechselt wurde. Unter den alten Schulen ist die des Daito ryu diejenige, die das Wort »aiki« konkret als Grundlage der Technik gebrauchte, doch das ist nicht die umfassende Bedeutung O-Senseis von »aiki«. Die richtige Übersetzung des Wortes Aikido ist: »Der Weg des Eins-Seins mit der Liebe und der universellen Urenergie«.

F: Aikido ist für Sie also mehr als eine Kampfkunst?

PS: Unbedingt. O-Sensei betonte immer, dass Aikido »shin no budo«, der »Weg des ,bu’ (des wahren ,bu’) sei.« Im Altertum, bis zu den japanischen Bürgerkriegen, die mit den Kriegen der Heike und den Genji anfingen und andauerten, bis Ieiasu Tokugawa Japan vereinte, war es allgemein anerkannt, dass »bu« Liebe bedeutete. Seit den Bürgerkriegen änderte sich jedoch die Bedeutung in »Kunst des Kämpfens«, »Strategie des Krieges«. O-Sensei lehrte, dass wahres »budo« die Verwirklichung der Liebe und die Vereinigung mit dem Göttlichen bedeutet.
Wenn O-Sensei von Liebe sprach, sagte er »dai ai«, womit nicht die persönliche Liebe gemeint ist, sondern die Liebe, die das ganze Universum aufrechterhält. Wenn also »bu« Liebe ist, zeigt dies, dass die Bedeutung dieses Schriftzeichens viel tiefer geht als »Kampfkunst«. Für O-Sensei war Aikido der wahre »budo«. Bei diesen Gedanken kann man ansetzen, um mit dem tieferen Sinn des Aikidotrainings in Kontakt zu kommen.
Es ist nichts dagegen zu sagen, einen Sport oder eine Kampfkunst auszuüben. Wenn ich zum Beispiel an Pele denke, er war ein Meister. Ich kenne Praktizierende des Cao Dai (vietnamesische Kampfkunst), die die Wände hochgehen können, wie wir auf dem Boden gehen.
Mit der Geschmeidigkeit des Judo kann man den anderen besiegen und mit der leeren Hand des Karate kann man jemanden besiegen, der bewaffnet ist.
Vielmals wurde Aikido in diesem Zusammenhang falsch verstanden, indem man sagte, dass durch die Harmonisierung mit dem Gegner dieser besiegt werden kann. Aikido geht jedoch über die Idee von Kampfkunst hinaus, der wahre »bu«, ist etwas anderes. O-Sensei und Hikitsuchi haben immer betont, dass es bei Aikido nicht um die Technik geht. Ich habe versucht, meine Praxis ständig mit den Lehren O-Senseis in Übereinstimmung zu bringen. Für ihn war ein Ziel des Aikido, diese Welt der Hölle materieller Existenz (»haku«) in spirituelle Verbindung (»kon«) zu transformieren. Man muss sich fragen, was das für das Üben bedeuten kann.
Die Hölle kann als Reflektion unserer inneren Konflikte gesehen werden. Aikido schenkt uns somit die Möglichkeit, uns auf einer sehr tiefen Ebene zu verändern. Wenn wir »uke« (die Person, die angreift) nicht als von uns getrennt, sondern als einen Schattenanteil unserer selbst betrachten, wird die Technik des Aikido zum Weg, die Illusion des Getrenntseins zu überwinden. Die zwei Körper werden zu einem; ein Gefühl des Friedens, ja sogar der Liebe tritt ein, weil die Technik genutzt wird, um sich mit dem anderen zu verbinden, anstatt sich gegen ihn zu verteidigen. Wenn ich mich verteidige, weil da ein getrenntes Ich ist, das verteidigt werden muss, dann gibt es auch ein Du, das mich angreift. Das ist der Zustand der Trennung. In diesem Sinne verstärkt die Technik die Illusion der Trennung. Aber da ist kein Ich, da ist nur Bewegung aus der Stille.

aikidojournal, Ausgabe 53D – 1/2008